Vorzeitige Samenergüsse können das Sexualleben der Betroffenen und ihrer Partnerinnen oder Partner stark belasten. Eine wissenschaftliche Studie hat nun erstmals eine deutschsprachige Smartphone-App untersucht, um zu prüfen, ob die digitale Anwendung die bisherigen Methoden zur Behandlung der sexuellen Funktionsstörung wirksam ergänzen kann. Die Redaktion der Urologischen Stiftung Gesundheit sprach mit dem Studienleiter, Prof. Dr. Christer Groeben. Der Urologe ist stellvertretender Ärztlicher Direktor der Urologischen Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg und stellte die Ergebnisse der CLIMACS-Studie in diesem Frühjahr auf dem Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Urologie in London vor.

Herr Prof. Groeben, der vorzeitige Samenerguss, medizinisch Ejaculatio praecox (EP), ist ein sensibles Thema, über das Betroffene ungern sprechen: Wie verbreitet ist es denn, dass Männer beim Geschlechtsverkehr früher als gewünscht ejakulieren?

Es gibt Fragebögen, die die Zeit zwischen dem Eindringen bis zum Samenerguss erfassen und die Problematik ab einem gewissen Punktewert als Ejaculatio praecox bezeichnen. Letztendlich ist ja aber entscheidet wie der Mann, oder das Paar, das Problem selbst empfindet und wie sehr er subjektiv dadurch belastet ist. Man vermutet eine diesbezügliche Dunkelziffer bis maximal 30 Prozent. Wenn wir von den Männern ausgehen, die objektiv betrachtet nach deutlich unter einer Minute ejakulieren, dann sind wahrscheinlich zwischen fünf und maximal zehn Prozent der Männer betroffen.

Dabei wissen wir, dass nur neun Prozent der Betroffenen ärztliche Hilfe aufsuchen, weil sie die EP nicht als krankhaften Zustand, sondern vielmehr als persönlichen Makel ansehen.

Behandelt wird ein vorzeitiger Samenerguss üblicherweise medikamentös, mit Verhaltenstherapie oder speziellen Techniken zur Ejakulationskontrolle. In der CLIMACS-Studie wurde nun unter Ihrer Leitung die Wirksamkeit einer Handy-App untersucht: Was zeichnet die Studie aus?

Die CLIMACS-Studie ist die erste randomisiert, kontrollierte Untersuchung, die einen deutschsprachigen digitalen Ansatz zur Behandlung des vorzeitigen Samenergusses geprüft hat und wurde zwischen Herbst 2023 und Herbst 2025 an den Universitätskliniken Marburg und Heidelberg durchgeführt. Insgesamt haben 80 ansonsten gesunde, nicht vorbehandelte Männer mit diagnostizierter Ejaculatio praecox an der Studie teilgenommen. Von 66 Teilnehmern lagen am Ende vollständige Fragebögen zur Auswertung vor. Geprüft wurde die Wirksamkeit der Melonga App®.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass keine Interessenkonflikte aufgrund etwaiger Verbindungen zur Herstellerfirma vorliegen. Die CLIMACS-Studie hat ausschließlich eine wissenschaftliche Prüfung der App vorgenommen.

Die Studienergebnisse wurden bereits im März 2026 auf dem Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Urologie in London vorgestellt, und voraussichtlich in den nächsten zwei Monaten wird die Studie in einem Fachjournal veröffentlicht werden.

Welche Inhalte vermittelt die App ihren Nutzern?

Die digitale Therapie besteht aus einem 12-wöchigen Programm, das in zwölf Module zu drei großen Themenbereichen unterteilt ist. Zunächst erhält der Nutzer wissenschaftlich belegte Informationen über die EP. Dabei kann schon das Wissen über die psychologischen Ursachen, wie Stress oder Depressionen, und über vorhandene Behandlungsmöglichkeiten Angst und Druck von den betroffenen Männern nehmen.

In einem zweiten Themenbereich lernt der Nutzer Tipps und Tricks zur Verbesserung der Ejakulationskontrolle kennen, wie beispielsweise die Start-Stopp-Technik, Atemübungen oder Beckenbodenübungen, die nachweislich Anspannung und Stress nehmen.

Im dritten Inhaltsblock richtet sich der Fokus auf die Partnerschaft. Hier geht es vor allem darum, das Problem anzusprechen und gemeinsam neue Strategien für ein erfülltes Sexualleben zu finden.

Wie lauten die wichtigsten Ergebnisse der CLIMACS-Studie?

Das Hauptergebnis ist die Verbesserung der Symptomatik, die im sogenannten PEP-Score gemessen wird. Er erfasst die Ejakulationskontrolle, die Zufriedenheit mit dem Geschlechtsverkehr, den persönlichen Leidensdruck und partnerschaftliche Schwierigkeiten. Hier erreichten die Teilnehmer im Studienverlauf durchschnittlich eine Verbesserung um vier bis fünf Punkte, wobei manche Männer keine oder nur eine geringe Verbesserung von ein oder zwei Punkten, andere ein Plus von zehn Punkten erzielten.

Die mittels Stoppuhr gemessene Zeitspanne vom Eindringen bis zur Ejakulation, die sogenannte IELT, verdoppelte sich bei den Nutzern der App nach 12 Wochen. Sie stieg um durchschnittlich 64 Sekunden an (von 61 auf 125 Sekunden). Dabei reichte das Spektrum von keiner zeitlichen Verbesserung bis hin zu einer Steigerung um drei oder vier Minuten.

Außerdem verbesserten sich bei rund 24,3 Prozent der App-Nutzer die Werte im standardisierten PEDT-Diagnose-Fragebogen so deutlich, dass sie nach Ablauf der 12 Wochen per Definition die Diagnose-Kriterien für einen vorzeitigen Samenerguss nicht mehr erfüllten.

Wie bewerten Sie die Studienergebnisse?

Wir konnten zeigen, dass die digitale Anwendung die Symptome einer EP effektiv lindern und den Leidensdruck verringern kann. Die App kann und soll den Artbesuch ausdrücklich nicht ersetzen, aber sie kann das Behandlungsspektrum ergänzen.

Dass selbst Männer, die mit der App keine Verbesserung bei der zeitlichen Komponente erreichten nach deren Nutzung an sexueller Zufriedenheit gewinnen, zeigt, dass das Programm außerdem dazu beitragen kann, das mit dem vorzeitigen Samenerguss verbundene Stigma des persönlichen Makels zu verringern.

Handelt es sich bei der App um eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA), also um eine sogenannte App auf Rezept?

Nein, die Melonga App® ist bislang keine Digitale Gesundheitsanwendung, die vom Arzt verschrieben werden kann. Sie ist in den bekannten App-Stores oder direkt beim Hersteller für 299 Euro erhältlich und muss selbst bezahlt werden. Die Herstellerfirma strebt allerdings die Zulassung als DiGA auf Basis der CLIMACS-Studie an.

Was unterscheidet denn die Melonga App® von anderen frei käuflichen Smartphone-Anwendungen?

Meines Wissens nach handelt es sich um die einzige frei käufliche digitale Anwendung, deren Wirksamkeit in einer wissenschaftlichen Studie untersucht wurde. Und wir werden weiter forschen! Tatsächlich arbeiten wir bereits an einer Folgestudie, um zu prüfen, ob die Kombination der App mit einem gebräuchlichen EP-Medikament bessere Behandlungserfolge erzielt als das Medikament allein.

Weiterführende Informationen

Weitere Informationen über Ursachen, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten des vorzeitigen Samenergusses finden Sie hier auf der Website der Urologischen Stiftung Gesundheit unter folgendem Link: https://urologische-stiftung-gesundheit.de/ratgeber/vorzeitiger-samenerguss/

Bildquelle: Uniklinikum Heidelberg