Andrologische Erkrankungen

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Urolog:innen mit der Zusatzbezeichnung Andrologie befassen sich in der sogenannten Männerheilkunde mit Störungen der Zeugungsfähigkeit des Mannes (Infertilität), Störungen des männlichen Hormonhaushalts, insbesondere dem Testosteronmangel  (Hypogonadismus), der erektilen Dysfunktion (Erektionsstörung) und der männliche Verhütung (Kontrazeption).

Teambild

Häufige andrologische Erkrankungen des Mannes:

Brustvergrößerung beim Mann (Gynäkomastie)
Angaben zur Häufigkeit
Prävalenz: 30-40 % bei erwachsenen Männern           
Ursache
Hormonell bedingte Erkrankung

Eine gutartige Vermehrung des Brustdrüsengewebes beim Mann nennt sich Gynäkomastie. Davon zu unterscheiden ist eine Vergrößerung der Brustdrüse durch einen Tumor oder durch Fetteinlagerung bei Übergewicht.
Eine Gynäkomastie tritt auf, wenn mehr Östrogen und weniger männliche Sexualhormone, z.B. das Testosteron, als üblich im Körper vorliegen. Ebenso spielt eine erhöhte Menge an verschiedenen Hormonen, die in der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) gebildet werden, eine Rolle. Ein Beispiel ist das Prolaktin.
Eine gutartige Vergrößerung des Brustdrüsengewebes ist bei Neugeborenen und bei männlichen Jugendlichen in der Pubertät häufig und ohne krankhafte Ursache.
Für eine Gynäkomastie außerhalb dieser beiden Lebensphasen gibt es verschiedene Ursachen, die letztlich o.g. Hormonveränderungen bewirken:

  • Medikamente: z.B. eine Behandlung mit Östrogen oder Bicalutamid, einem Medikament zur Behandlung des Prostatakarzinoms
  • Alkohol und andere Drogen, z.B. Marihuana
  • Angeborene Erkrankungen bzw. Syndrome: z.B. das Klinefelter-Syndrom, bei dem durch eine zu geringe Testosteronbildung im Hoden eine erhöhte Bildung o.g. Hormone in der Hirnanhangdrüse angekurbelt wird, die eine Vermehrung des Brustdrüsengewebes hervorrufen
  • Hormonelle Erkrankungen: z.B. eine Schilddrüsenüberfunktion
  • Tumorerkrankungen: z.B. ein hormonbildender Hodentumor namens Leydigzell-Tumor

In manchen Fällen ist jedoch keine eindeutige Ursache festzustellen.
Der Arzt führt – nach einem Gespräch zur Erhebung der Krankengeschichte – eine körperliche Untersuchung durch und legt u.a. sein Augenmerk auf die Brust und den Hoden. Besteht der Verdacht auf eine gutartige Vermehrung des Brustdrüsengewebes können verschiedene Hormone, z.B. Testosteron oder Östradiol, im Blut bestimmt und zur Eingrenzung der Ursache herangezogen werden. Gegebenenfalls werden auch Tumormarker bei z.B. Verdacht auf einen Hodentumor analysiert. Zu den Basisuntersuchungen zählt ein Ultraschall der Brust sowie des Hodens. Je nachdem welche Ergebnisse erhoben werden, können die Hormontests und die Untersuchungen mittels Bildgebung (z.B. Röntgen oder Computertomografie) ausgeweitet werden. Um z.B. ein Klinefelter-Syndrom festzustellen, ist eine genetische Untersuchung nötig.
Nicht alle Patienten mit einer gutartigen Brustdrüsenschwellung benötigen eine Behandlung.
Die Brustdrüsenschwellung bei Neugeborenen bildet sich in der Regel schnell zurück. Bei Jugendlichen in der Pubertät kann dies zwar Monate bis Jahre dauern, jedoch wird auch hier empfohlen, auf eine Rückbildung zu warten. Sollten Schmerzen oder eine psychische Belastung aufgrund der Kosmetik zu stark werden, kann mit dem Arzt eine individuelle Behandlung diskutiert werden.
Die Behandlung einer krankhaften Brustdrüsenschwellung richtet sich nach der jeweiligen Ursache. Sollte beispielsweise ein Tumor der Hoden, der Hormone produziert, die Ursache sein, muss umgehend eine Krebsbehandlung erfolgen.
Bestimmte Medikamente können die Rückbildung der Brustdrüsenschwellung ebenfalls unterstützen, z.B. Tamoxifen, das die Wirkung des Östrogens blockiert. Besteht die Schwellung schon länger und hat bereits ein Umbau des Gewebes mit einer Verhärtung oder Narbenbildung stattgefunden, kann eine Operation weiterhelfen.

Männliche Unfruchtbarkeit
In Deutschland sind etwa zehn bis 20 Prozent der Paare ungewollt kinderlos. Wenn eine Schwangerschaft nach einem Jahr regelmäßigen ungeschützten Geschlechtsverkehrs ausbleibt, liegen die Ursachen dafür zu gleichen Teilen bei Mann oder Frau oder bei beiden.

Der Facharzt/die Fachärztin für Urologie und Andrologie untersucht und behandelt die Ursachen männlicher Unfruchtbarkeit (Infertilität). Zeitweise Probleme mit der Zeugungsfähigkeit haben mindestens sieben Prozent aller Männer im fortpflanzungsfähigen Alter. Dafür können zum Beispiel ein Hodenhochstand im Kindesalter, Hormonstörungen, eine Infektion der Samenwege, Krampfadern im Hoden oder andere Allgemeinerkrankungen verantwortlich sein. Auch Stress, Nikotin, Alkohol, Übergewicht, Umwelteinflüsse, Drogen, Doping (Anabole Steroide) oder Medikamenteneinnahme können die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen.

Zur Diagnose dienen die Analyse einer Samenprobe, die unter anderem Aufschluss über das Volumen des Ejakulats sowie Anzahl, Beweglichkeit und Form der Spermien gibt, der Ultraschall des Hodens, eine Blutuntersuchung zur Analyse des Hormonhaushalts.

Das Behandlungsspektrum ist groß: Je nach Befund können im Einzelfall eine Hormonbehandlung, ein operativer Eingriff an den Samenwegen oder die Gewinnung von Spermien aus dem Hodengewebe und anschließende Maßnahmen der künstlichen Befruchtung angezeigt sein.

Krebspatienten, deren Fruchtbarkeit infolge von Chemo- oder Strahlentherapie dauerhaft eingeschränkt sein kann, sichert das Einfrieren einer Samenprobe vor der Tumorbehandlung die Möglichkeit, einen späteren Kinderwunsch zu erfüllen.

Wichtig: Die Fruchtbarkeit gilt heute als ein Fenster zur Gesundheit des Mannes. Schwerstinfertile Männer entwickeln im späteren Leben deutlich häufiger Begleiterkrankungen, die ihre weitere Lebenserwartung beeinflussen und zu einem erhöhten Risiko für Tumorerkrankungen führen. Betroffene Männer haben zu wenig, zu gering bewegliche und vermehrt fehlgeformte Spermien. Ihr Risiko für Hodenkrebs ist 2-3fach erhöht, das Risiko für Prostatakarzinome ist 1,7fach erhöht, und ihr Risiko für Krankenhausaufenthalte wegen kardiovaskulärer Erkrankungen steigt mit abnehmender Spermienzahl. Ärztliche Beratung und Krebsfrüherkennungsuntersuchungen sind für die Betroffenen besonders wichtig.

Ein gesunder Lebensstil hält Spermien fit. Das heißt:

  • Vermeiden von Nikotin. Nikotinkonsum reduziert das Befruchtungspotential der Spermien um die Hälfte!
  • frühe Korrektur eines kindlichen Hodenhochstandes
  • kein Anabolikamissbrauch
  • Normalgewicht und
  • ausgewogene Ernährung
  • regelmäßiger, aber nicht übertriebener Sport für die Hormonproduktion
  • maßvoller Alkoholkonsum, Arbeitsschutzmaßnahmen einhalten
  • Hoden vor Hitze durch Sauna, Autositzheizung, Laptop oder zu enger Kleidung schützen.

Weitere Informationen zur männlichen Unfruchtbarkeit finden Sie in unserem „Patientenratgeber Infertilität“

Erektile Dysfunktion
Nicht jede Flaute im Bett ist eine behandlungsbedürftige Erkrankung. Medizinisch liegt eine erektile Dysfunktion erst dann vor, wenn ein Mann über mindestens ein halbes Jahr in zwei Dritteln der Fälle keine Erektion bekommen oder aufrechterhalten kann, die für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr ausreicht. Circa fünf Millionen Männer in Deutschland sind betroffen. Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter.

Vielfältige körperliche und oder psychische Ursachen können eine erektile Dysfunktion hervorrufen. Während beim jüngeren Mann häufiger psychische Auslöser wie Stress oder Ängste vorkommen, hat die Erektionsstörung bei Älteren in rund 70 Prozent der Fälle organische Ursachen. Das sind vor allem Diabetes mellitus sowie Gefäß- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Testosteronmangel oder andere Hormonstörungen, Erkrankungen des zentralen Nervensystems wie Multiple Sklerose, Operationen im Becken, Nikotin- und Alkoholmissbrauch sowie Nebenwirkungen von Medikamenten. In jedem Fall sollten die Ursachen abgeklärt werden, denn eine Erektionsstörung kann der erste Hinweis auf Schädigungen des Gefäßsystems und damit Vorbote von Herzinfarkt oder Schlaganfall sein.

Zur Diagnose gehören das ausführliche Gespräch mit dem Urologen/der Urologin, die körperliche Untersuchung und eine Blutuntersuchung, um Hormonstatus und möglichen Testosteronmangel, Blutzucker und Blutfettwerte zu bestimmen.

Bei der Behandlung kommen in erster Linie Medikamente, sogenannte PDE-5-Hemmer, zum Einsatz, die immer vom Arzt verordnet und nicht aus dubiosen Internetquellen bezogen werden sollten. Sie können ggf. mit einer Hormontherapie kombiniert werden. Außerdem gibt es Wirkstoffe, die sich der Mann direkt in den Penis verabreicht. Mechanische Erektionshilfen wie die Vakuumpumpe, psychologische Behandlung und Schwellkörperimplantate ergänzen das Therapiespektrum.

Bei der Vorbeugung gilt: Was gut für die Blutgefäße ist, hilft auch der Potenz. Das bedeutet:

  • Rauchverzicht, ausgewogene Ernährung (wenig tierisches Fett, viel Obst und Gemüse)
  • wenig Alkohol
  • regelmäßiger Ausdauersport
  • Übergewicht abbauen
  • Bluthochdruck vermeiden
  • Diabetes gut einstellen lassen
  • Schlafapnoe (Atemstillstand-Episoden während des Schlafes) behandeln lassen.

 Weitere Informationen finden Sie in unserem „Patientenratgeber Erektionsstörungen“.

Vorzeitiger Samenerguss
Der vorzeitige Samenerguss, medizinisch Ejaculatio praecox, ist die häufigste Ejakulationsstörung und eine der am weitesten verbreiteten Sexualstörungen des Mannes. Betroffen sind 20 bis 25 Prozent aller Männer. Bei ihnen kommt es noch vor oder während der ersten zwei Minuten des Geschlechtsverkehrs zum Samenerguss. Daraus entsteht oft ein hoher Leidensdruck für den Mann und seine Partnerin.

Ärzt:innen unterscheiden zwischen der lebenslangen, angeborenen Ejaculatio praecox, die genetische Ursachen hat, und dem erworbenen vorzeitigen Samenerguss, der plötzlich auftritt und häufig mit veränderten Lebensumständen, gleichzeitigen Potenzproblemen, Entzündungen der Prostata oder Schilddrüsenerkrankungen einhergeht.

Die Diagnose basiert vorrangig auf dem Patientengespräch und einer Blutuntersuchung zur Bestimmung des Hormonhaushalts.

Heute stehen sowohl verhaltenstherapeutische Übungsverfahren (Stop-Start-Technik), als auch die medikamentöse Behandlung zur Verfügung: Etwa durch die lokale Anwendung von betäubenden Medikamenten in Salben oder Cremes oder durch die Einnahme zum Teil neuartiger Wirkstoffe in Form von Tabletten.

Vorzeitigem Samenerguss kann man nicht vorbeugen.

  • Wichtig ist die frühzeitige Behandlung, um negativen Auswirkungen auf die Psyche und das Sexualleben vorzubauen.

Weitere Informationen zu finden Sie in unserem Patientenratgeber „Vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio praecox)“.

Testosteronmangel
Urolog:innen bezeichnen den Mangel des wichtigsten männlichen Geschlechtshormons, des Testosterons, als Hypogonadismus.

Testosteronmangel kann sehr unterschiedliche Ursachen haben und zum Beispiel angeboren oder genetisch bedingt sein oder durch Nieren- und Gefäßerkrankungen, Diabetes oder Medikamenteneinnahme hervorgerufen werden. Auch Alter und Lebensstil spielen eine wichtige Rolle.

Mit zunehmendem Alter sinkt der Testosteronspiegel kontinuierlich ab. Das ist ein ganz normaler biologischer Vorgang. Ähnlich wie in den Wechseljahren der Frau kann der veränderte Hormonhaushalt auch beim Mann Beschwerden wie Schlafstörungen, Ängste und depressive Verstimmungen auslösen und zu Potenzproblemen, Gewichtszunahme sowie verminderter Muskelmasse und Knochendichte (Osteoporose) führen.

Testosteronmangel lässt sich mithilfe einer Blutuntersuchung einfach diagnostizieren.

Im individuellen Fall kann eine Testosteronersatz-Therapie in Form von Spritzen, Tabletten, Gel oder Pflastern geeignet sein.

Tipps zur Prophylaxe:

  • Regelmäßiger Ausdauersport kurbelt die Testosteronproduktion an.
  • gesunde Ernährung
  • Normalgewicht
  • Rauchverzicht
  • maßvoller Alkoholkonsum.

Weitere Informationen finden Sie in unseren Patientenratgebern „Hormondefizit des alternden Mannes“ und „Hormondefizit des jungen Mannes“.

Verhütung beim Mann
Trotz weltweiter Forschung gibt es bis heute keine hormonelle Verhütung, medizinisch: „Kontrazeption“, für den Mann vergleichbar mit der Pille für die Frau. Die bekannteste Verhütungsmethode für Männer ist das Kondom, das gleichzeitig einen Schutz vor sexuell übertragbaren Erkrankungen bietet.

Die sicherste Verhütungsmethode seitens des Mannes ist die Sterilisation, die sogenannte Vasektomie. Dabei handelt es sich um eine Unterbindung der Samenleiter, um einen Spermientransport Richtung Prostata und Harnröhre zu verhindern. Weltweit haben sich ca. 40-60 Mio. Männer einem solchen Eingriff unterzogen. Die Vasektomie kann als komplikationsarmer Eingriff von einem Urologen/einer Urologin in der Regel ambulant durchgeführt werden.

Hauptgrund für eine Sterilisation ist eine abgeschlossene Familienplanung und der Wunsch nach einer sicheren Verhütungsmethode.
Patienten, die sich für eine Vasektomie entscheiden, sollten dies in dem Bewusstsein tun, dass es sich hierbei um eine definitive Entscheidung handelt, denn der Eingriff ist darauf ausgelegt, zu einer dauerhaften Unfruchtbarkeit zu führen.

Bisherige Kinderlosigkeit, ein Alter unter 30 Jahren, chronische Hodenschmerzen und keine aktuelle Partnerschaft sind Gründe, die gegen eine Vasektomie sprechen.

Weitere Informationen finden Sie in unserem Patientenratgeber „Sterilisation des Mannes“

Auch nach einer Sterilisation kann der Wunsch nach einer Vaterschaft auftreten. Ein erneutes Zusammenfügen der Samenleiter ist mit mikrochirurgischen Operationsverfahren grundsätzlich technisch möglich, allerdings deutlich aufwendiger und nicht immer erfolgreich. Dieser Eingriff wird Refertilisierung oder Vasovasostomie genannt.

Weitere Informationen finden Sie in unserem Patientenratgeber „Refertilisation“.