Blasenschwäche ist eine Volkskrankheit, die Frauen, Männer und Kinder treffen kann. Angesichts von rund zehn Millionen Menschen, die von einer Harninkontinenz betroffen sind, sprach die Redaktion der Urologischen Stiftung Gesundheit mit Professorin Dr. Daniela Schultz-Lampel, Direktorin des Kontinenzzentrums Südwest am Schwarzwald-Baar Klinikum und Mitglied des Expertenrats der Deutschen Kontinenzgesellschaft über die Tabu-Krankheit. Die renommierte Urologin macht Betroffenen Mut, für eine bessere Lebensqualität ärztliche Hilfe wahrzunehmen.

1. Frau Prof. Schultz-Lampel, haben Sie angesichts von rund zehn Millionen Betroffenen in Deutschland eine Botschaft für die Menschen, die unter einer Blasenschwäche leiden?

„Meine Botschaft ist ganz klar: Trauen Sie sich, zum Arzt zu gehen! Menschen, die eine Inkontinenzproblematik haben, sind nicht allein wie die große Zahl der Betroffenen zeigt. Niemand muss sich voller Scham verstecken und denken, er müsse die Erkrankung ertragen. Der wichtigste Schritt ist, das Tabu zu überwinden und sich an einen Arzt oder eine Ärztin, am besten an einen Urologen oder eine Urologin, zu wenden. Eine qualifizierte Behandlung bringt in den allermeisten Fällen Lebensqualität zurück.

2. Wie groß ist der Anteil der Betroffenen, die ärztliche Hilfe suchen?

Tatsächlich nimmt nur ein kleiner Teil der Menschen, die an einem unwillkürlichen Urinverlust leiden ärztliche Hilfe in Anspruch. Umfragen zufolge suchen nur 20 Prozent der Betroffenen einen Arzt auf. Deshalb ist es mir so wichtig, die Menschen zu ermutigen, sich behandeln zu lassen. Studien zeigen eine sogenannte doppelte Sprachlosigkeit: Patientinnen und Patienten sprechen ihre Blasenbeschwerden aus Scham nicht an, aber auch Ärztinnen und Ärzte thematisieren mögliche Kontinenzprobleme im stressigen Praxisalltag nicht immer aktiv. 

3. Eine Harninkontinenz ist gut behandelbar: Wie hoch sind denn die Chancen, eine bessere Lebensqualität zu erreichen?

Eine Inkontinenz kann in verschiedenen Formen auftreten. Am häufigsten sind die Belastungsinkontinenz, die mit Urinverlust bei körperlicher Anstrengung, wie Husten, Niesen, Lachen oder Heben, einhergeht sowie die Dranginkontinenz. Hier steht plötzlicher, extrem starker Harndrang im Vordergrund, der sich oft nicht kontrollieren lässt. Häufig ist auch eine Kombination aus Belastungs- und Dranginkontinenz, die sogenannte Mischinkontinenz. Daher geht es zunächst darum, abzuklären unter welcher Form der Inkontinenz ein Patient leidet. Durch eine gezielte Behandlung besteht dann eine hohe Besserungschance von 80 bis 90 Prozent.

4. Gibt es aktuelle Erkenntnisse bei der Behandlung einer Blasenschwäche? 

Ja, wir sehen, dass die neuen Digitalen Gesundheitsanwendungen die grundlegende Basis-Behandlung der Harninkontinenz bei Männern und Frauen hervorragend unterstützen – etwa beim Beckenboden- und Blasentraining, bei der Gewichtsabnahme und dem richtigen Trinkverhalten. Die Behandlungsergebnisse sind so überzeugend, dass die entsprechenden Apps aus meiner Sicht wann immer möglich vor der Entscheidung für weitergehende Therapien oder operative Eingriffe angewendet werden sollten. Die Erfahrungen in unserer Klinik zeigen außerdem, dass selbst ältere Patientinnen und Patienten die digitalen Angebote sehr gut annehmen, und ich appelliere an die behandelnden ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, digitale Gesundheitsanwendungen verstärkt anzubieten.

5. Inkontinenz wird häufig als ein reines „Frauenproblem“ angesehen – aber ist das tatsächlich zutreffend? 

Frauen leiden vor allem in jüngeren Jahren häufiger an einer Inkontinenz als Männer. Der weibliche Beckenboden ist von Natur aus schwächer gebaut und wird durch Schwangerschaft und Geburt stärker belastet, weshalb Frauen in den Jahren nach den Schwangerschaften zwischen 30 und etwa 55 Jahren häufiger betroffen sind. Männer holen allerdings im Alter auf, wenn Prostataprobleme oder Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Parkinson auftreten. Ab einem Alter von etwa 85 Jahren sind dann beide Geschlechter fast gleichermaßen betroffen.

6. Lässt sich einer Harninkontinenz gezielt vorbeugen? 

Prävention ist durchaus möglich und sollte früh im Leben beginnen. Dafür ist es wichtig, schon in der Jugend ein gesundes Beckenbodengefühl zu entwickeln und zu lernen, die Muskulatur des Beckenbodens zu aktivieren. Übergewicht, chronischer Husten sowie dauerhafte Verstopfung gehören zu den Risikofaktoren für eine Harninkontinenz. Gewichtsreduktion, Rauchstopp und eine Stuhlregulation zum Beispiel mithilfe von Flohsamen sind deshalb wichtige Maßnahmen, um einer Inkontinenz vorzubeugen.

Sportarten wie Schwimmen, Pilatis, Yoga oder auch Golf haben sich als positiv für den Beckenboden erwiesen. Dagegen belasten vor allem Sprünge, etwa beim Trampolinspringen, aber auch Joggen den Beckenboden.

Ganz aktuell bestätigt ein Bericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, dass ein Beckenbodentraining, das bereits in der Schwangerschaft begonnen wird, die Wahrscheinlichkeit einer Harninkontinenz vor oder nach der Geburt verringert. 

Eine weitere Präventionsmaßnahme betrifft Männer, die sich einer radikalen Prostataentfernung unterziehen müssen und damit verbunden ein erhöhtes Risiko für eine Harninkontinenz haben. Sie können ihre Kontinenz verbessern, indem sie schon vor dem Eingriff mit einem Beckenbodentraining beginnen.

Weiterführende Informationen

Umfassende Informationen rund um das Thema Kontinenz sowie eine Expertensuche bietet die Deutsche Kontinenz Gesellschaft auf ihrer Website: https://www.kontinenz-gesellschaft.de

Zur Digitalen Gesundheitsanwendung „Kranus Mictera“ für Frauen mit Blasenschwäche lesen Sie hier auf der Website der Urologischen Stiftung Gesundheit ein Interview mit Co-Entwicklerin Dr. Laura Wiemer: https://urologische-stiftung-gesundheit.de/app-hilft-bei-blasenschwaeche/