Operation, Bestrahlung oder zunächst engmaschige Kontrolle? Nach der Diagnose Prostatakrebs stehen viele Männer vor einer schwierigen Entscheidung. Eine digitale Entscheidungshilfe soll ihnen dabei helfen, ihre Möglichkeiten zu verstehen und ihre Fragen für das Arztgespräch zu ordnen. Aktuelle Studiendaten vom 78. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie zeigten nun: Direkt nach der Nutzung fühlten sich Teilnehmer besser informiert und waren deutlich weniger belastet.

„Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt unter anderem davon ab, wie weit der Tumor fortgeschritten ist und wie aggressiv er eingeschätzt wird. Auch das Alter, weitere Erkrankungen und persönliche Wünsche spielen ebenso eine Rolle“, erklärten die Urologinnen und Urologen um Prof. Dr. Dr. Johannes Huber, dem Mitinitiator der Entscheidungshilfe Prostatakrebs und gleichzeitigem Mitglied des Medizinischen Boards der Urologischen Stiftung Gesundheit. Für Betroffene könne es oftmals schwer sein, Nutzen und mögliche Folgen der verschiedenen Wege gegeneinander abzuwägen.

Informationen passend zur eigenen Situation

Die „Entscheidungshilfe Prostatakrebs“ ist ein Online-Angebot für Männer mit einer Erstdiagnose eines Prostatakarzinoms. Sie vermittelt Informationen zu den Behandlungsmöglichkeiten und hilft, eigene Prioritäten zu klären. Eine Therapieempfehlung spricht sie indes nicht aus: Die Entscheidung treffen Patient und behandelnder Urologe bzw. Urologin gemeinsam. Der Zugang wird in der Regel im ärztlichen Gespräch erklärt; anschließend kann der Patient das Angebot zu Hause eigenständig nutzen.

Seit dem Start im Jahr 2016 haben mehr als 28.000 Patienten die Entscheidungshilfe verwendet. Rund 76 Prozent bearbeiteten dabei alle Module. Die Zufriedenheit lag bei rund 88 Prozent. Dass ein Angebot häufig genutzt und positiv bewertet wird, sagt allerdings noch nicht, ob es Betroffenen tatsächlich bei ihrer Entscheidung hilft. Genau das untersuchte das Forschungsteam zusätzlich in einer Studie.

Weniger Zweifel, weniger Belastung

An der Studie nahmen 1.912 Männer teil. Diese waren im Durchschnitt 66 Jahre alt. Die Männer wurden per Los zwei Gruppen zugeteilt. Die eine Gruppe beantwortete die Fragebögen vor der Nutzung der Entscheidungshilfe, die andere unmittelbar danach. Dabei ging es vor allem um Entscheidungskonflikte, psychische Belastung und Wissen über die Erkrankung.

Insgesamt fühlten sich die Männer nach Nutzung der Entscheidungshilfe bei der Wahl ihrer Behandlung deutlich weniger unsicher. Auch die empfundene Belastung nahm spürbar ab: Auf dem sogenannten „Belastungsthermometer“ lag der Durchschnitt vorher bei rund 6 Punkten und danach bei nur noch rund 4 Punkten. Bei vier von fünf Wissensfragen beantworteten nach der Nutzung deutlich mehr Männer die Frage richtig.

Wie lange der Effekt anhält, ist offen. Die Studie erfasste die Antworten direkt nach der Nutzung der Entscheidungshilfe. Davon zu unterscheiden ist eine frühere, eigene Studie mit Zufallszuteilung. Sie hatte die Männer erst vier Wochen nach der Nutzung befragt und dabei keinen nachweisbaren Vorteil der Entscheidungshilfe gefunden. Ob Männer später mit ihrer Entscheidung zufriedener sind oder sich ihre Lebensqualität verbessert, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Diese längerfristigen Ergebnisse wollen die Forschenden künftig mit einer zusätzlichen Nachbefragung erfassen, die in die Entscheidungshilfe eingebaut werden soll.

Fazit

Für Patienten ist die Entscheidungshilfe damit ein mögliches Werkzeug zur Therapievorbereitung – gerade dann, wenn nach der Diagnose sehr viele Informationen auf einmal verarbeitet und bewertet werden müssen.

Belegt ist bisher eine kurzfristige Wirkung direkt nach der Nutzung. Ob die Entscheidungshilfe zu besseren Behandlungsentscheidungen oder mehr Lebensqualität führt, ist noch offen. Die Daten wurden bislang als Kongressbeitrag vorgestellt, eine ausführliche Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift steht noch aus.

Die Entscheidungshilfe Prostatakrebs wird unterstützt von Takeda Pharma Vertrieb GmbH & Co KG, Janssen-Cilag GmbH und Apogepha. Hersteller ist die ASD Concepts GmbH & Co KG.

Quellen

Karschuck P et al., V15-02: 10 Jahre Entscheidungshilfe Prostatakrebs: Optimierte Patientenversorgung in der Routineversorgung und in einem pragmatischen RCT. Urologie 2026; 65 (Suppl 2): S65

Karschuck P, Kessler T, Reimold P et al., An online decision aid for patients with prostate cancer evaluating local treatment options reduces decisional conflict and distress and improves knowledge: Postmarket surveillance in German routine care. World J Urol 2026; 44: 275

Autor

Dr. Marcus Mau