Der Welttag der sexuellen Gesundheit am 4. September rückt ein Thema in den Mittelpunkt, über das noch immer viel zu selten offen gesprochen wird. Denn zur sexuellen Gesundheit gehören nicht nur Lust und erfüllte Sexualität, sondern ebenso Beschwerden und Erkrankungen, die viele aus Scham verschweigen.

Über Blasenschwäche zu sprechen, fällt vielen Menschen an sich schon schwer. Passiert der ungewollte Urinverlust aber ausgerechnet beim Sex, ist die Hemmschwelle oft noch größer. Dabei ist die sogenannte koitale Harninkontinenz kein Grund, auf Sexualität und Nähe zu verzichten. Sie kann Frauen und Männer betreffen – in vielen Fällen jedoch lässt sich etwas dagegen tun.

Was ist koitale Harninkontinenz?

Mediziner sprechen von koitaler Harninkontinenz, wenn während oder nach sexueller Aktivität ungewollt Urin austritt. Bei Frauen kann dies beispielsweise beim Eindringen des Penis, während des Geschlechtsverkehrs oder beim Orgasmus passieren.

Das Problem ist dabei aber längst nicht nur körperlich belastend. Die Angst, beim Sex Urin zu verlieren, kann zu Scham und Unsicherheit führen. Manche Betroffene vermeiden daher intime Situationen oder ziehen sich von ihrem Partner oder ihrer Partnerin zurück. Darunter können Sexualität, Selbstwertgefühl und Partnerschaft leiden.

Warum verlieren Frauen beim Sex Urin?

Bei Frauen hängt die koitale Inkontinenz häufig mit einer bereits bestehenden Belastungs-, Drang- oder Mischinkontinenz zusammen. Auch ein geschwächter oder nicht richtig arbeitender Beckenboden kann eine Rolle spielen.

Bei einer Belastungsinkontinenz steigt beispielsweise durch bestimmte Bewegungen oder Druck auf die Blase der Druck im Bauchraum. Kann der Verschlussmechanismus der Harnröhre nicht ausreichend gegenhalten, tritt Urin aus.

Bei einer Dranginkontinenz wiederum kann sich die Blase plötzlich und unwillkürlich zusammenziehen. Sexuelle Stimulation kann einen solchen Harndrang begünstigen.

Auch Männer können betroffen sein

Koitaler Urinverlust ist aber keineswegs ein reines Frauenproblem. Bei Männern tritt er besonders nach Operationen an der Prostata auf, etwa nach einer Prostatakrebsbehandlung.

Eine mögliche Ursache sind Beeinträchtigungen des Schließmuskels und des Beckenbodens. Einige Männer verlieren deshalb während sexueller Aktivität oder beim Orgasmus Urin. Gerade nach einer Prostataoperation sollte dieses Problem im Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin angesprochen werden.

Was hilft gegen Urinverlust beim Sex?

Welche Behandlung infrage kommt, hängt von der Ursache und der Form der Inkontinenz ab. Ein wichtiger Baustein ist häufig ein gezieltes Beckenbodentraining. Die Muskulatur unterstützt den Verschluss von Blase und Harnröhre und lässt sich trainieren. Eine spezialisierte physiotherapeutische Anleitung – z. B. in einem Beckenbodenzentrum – kann dabei sinnvoll sein.

Auch Veränderungen im Alltag können helfen. Dazu können eine angepasste Trinkmenge, regelmäßige Toilettengänge und das Entleeren der Blase vor dem Sex gehören. Je nach Ursache kommen außerdem Medikamente infrage.

Reichen solche konservativen Maßnahmen nicht aus und/oder ist die Inkontinenz stark ausgeprägt, stehen für bestimmte Patientinnen und Patienten auch operative Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Scham sollte nie ein Hindernis sein

Das vielleicht größte Problem beim koitalen Urinverlust ist das Schweigen. Viele Betroffene sprechen aus Scham weder mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin noch mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt über den Urinverlust.

Dabei ist diese Form der Harninkontinenz ein medizinisches Problem, das untersucht und behandelt werden kann. Erste Ansprechpartner können hier die Hausarztpraxis, eine urologische oder gynäkologische Praxis sowie spezialisierte Kontinenzsprechstunden sein.

Entscheidend ist zunächst, herauszufinden, welche Form der Inkontinenz vorliegt. Eine passende Behandlung kann dann schließlich nicht nur den Urinverlust reduzieren, sondern auch dabei helfen, Sicherheit, Lebensqualität und Freude am Sex zurückzugewinnen.

Darüber hinaus gibt es aber auch noch weitere Risiken für die sexuelle Gesundheit von Mann und Frau. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) klärt hierzu ganz aktuell mit einem Faktencheck zum Welttag der sexuellen Gesundheit am 4. September im Rahmen seiner Initiative LIEBESLEBEN zu Safer Sex, HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen sowie zu Themen rund um sexuelle und geschlechtliche Vielfalt auf.

Quelle

Clarke J. Coital urinary incontinence: management and support for patients. British Journal of Nursing 2026; 35(12): https://doi.org/10.12968/bjon.2026.0183

Autor

Dr. Marcus Mau