Einmal oder sogar wiederholt nachts raus zur Toilette – für viele Menschen gehört das irgendwann zum Alltag. Doch regelmäßiger nächtlicher Harndrang sollte nicht vorschnell als harmlose Alterserscheinung abgetan werden. Eine große Auswertung von 33 Studien zeigte jetzt: Nykturie ist deutlich mit schlechterem Schlaf und einem erhöhten Sterberisiko verbunden. Das bedeutet allerdings nicht, dass nächtliche Toilettengänge selbst die Ursache für eine kürzere Lebenserwartung sind.

Was bedeutet nächtlicher Harndrang eigentlich?

Mediziner sprechen von nächtlichem Harndrang (= Nykturie), wenn jemand nachts ein- oder mehrmals aufwacht, um Wasser zu lassen. Das Problem wird mit zunehmendem Alter häufiger. Bei Menschen ab 80 Jahren berichten Studien sogar bei acht von zehn Menschen über mindestens einen nächtlichen Toilettengang.

Die Ursachen können vielfältig sein. Auch eine sogenannte obstruktive Schlafapnoe, bei der es während des Schlafs wiederholt zu Atemaussetzern kommt, kann beispielsweise nächtlichen Harndrang begünstigen.
Daneben kommen Diabetes, eine gutartige Prostatavergrößerung, eine Herzschwäche und Bluthochdruck infrage, ebenso Harnwegsinfektionen, die häufiges Wasserlassen auslösen. Häufig findet sich außerdem eine nächtliche Polyurie, bei der die Nieren nachts überproportional viel Urin bilden. Dieser Befund tritt bei nächtlichem Harndrang oft auf, kommt aber auch bei Beschwerdefreien vor und erklärt den Harndrang allein daher nicht.

Eine Rolle spielen zudem Gewohnheiten und Medikamente. Die europäische Urologen-Leitlinie rät, die Trinkmenge zu bestimmten Tageszeiten anzupassen, Koffein und Alkohol zu begrenzen und den Einnahmezeitpunkt entwässernder Medikamente zu überprüfen.

Dreimal so häufig schlechter Schlaf

Für ihre systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse werteten die Forschenden 33 Studien aus: 14 davon untersuchten den Zusammenhang zwischen Nykturie und Sterblichkeit, 19 beschäftigten sich mit der Schlafqualität.

Das Ergebnis fällt deutlich aus. Menschen mit Nykturie hatten eine rund dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine schlechte Schlafqualität wie Menschen ohne nächtlichen Harndrang. Auch bei verschiedenen Messverfahren zur Schlafqualität schnitt die Nykturie-Gruppe stets deutlich schlechter ab.

Wer nachts immer wieder aufstehen muss, verliert eben längere zusammenhängende Schlafphasen. Am nächsten Morgen können dann Müdigkeit und eingeschränkte Leistungsfähigkeit die Folge sein.

Auch das Sterberisiko war erhöht

Besonders aufmerksam mache zudem ein zweites Ergebnis der Studie. In den ausgewerteten Beobachtungsstudien war die Nykturie zusätzlich mit einem um 78 Prozent höheren Sterberisiko verbunden. Der Zusammenhang zeigte sich sowohl in Studien, die Nykturie als mindestens zwei, und auch solchen, die sie als mindestens drei Toilettengänge pro Nacht definierten.

Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass nächtliches Wasserlassen die Lebenserwartung direkt verkürzt, wie die Autoren schreiben. Die eingeschlossenen Untersuchungen waren nämlich Beobachtungsstudien und unterschieden sich zum Teil erheblich hinsichtlich Teilnehmender, Methoden und Definitionen. Auch Begleiterkrankungen und andere Einflussfaktoren könnten eine Rolle spielen.

Als mögliche Zusammenhänge zwischen dem nächtlichen Harndrang und dem höheren Sterberisiko diskutieren die Autoren unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Folgen des gestörten Schlafs. Hinzu komme noch ein ganz praktisches Risiko: Denn wer nachts mehrfach im Halbschlaf zur Toilette laufe, könne sehr viel leichter stürzen.

Nächtlichen Harndrang nicht einfach hinnehmen

Die wichtigste Botschaft lautet deshalb nicht: Wer nachts zur Toilette muss, lebt automatisch kürzer. Vielmehr könne häufiger nächtlicher Harndrang ein gesundheitlich relevantes Warnsignal sein und verdiene besondere Aufmerksamkeit – besonders wenn er regelmäßig auftritt, den Schlaf stark beeinträchtigt oder weitere Beschwerden hinzukommen.

Für die Abklärung ist ein Miktionstagebuch der beste Einstieg. Darin wird über zwei bis drei Tage notiert, wann und wie viel getrunken und wann und wie viel Wasser gelassen wurde. Diese Aufzeichnung zeigt bereits, ob nachts zu viel Urin gebildet wird oder die Blase zu wenig fasst.

Originalquelle

Lavadia AC et al., Nocturia, Sleep Quality, and Mortality: A Systematic Review and Meta-Analysis. World J Mens Health. 2026 Jan;44(1):36-48

Autor

Dr. Marcus Mau