Anlässlich des Weltnichtrauchertags am 31. Mai erklärt Prof. Maximilian Kriegmair, Urologe und Beiratsmitglied der Urologischen Stiftung Gesundheit, warum Tabakkonsum einer der wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren in der Urologie ist. Von Blasenkrebs über Erektionsstörungen bis hin zu Fruchtbarkeitsproblemen: Die Folgen des Rauchens reichen weit über die Atemwege hinaus. Gleichzeitig macht der Experte aber auch Mut, denn selbst nach einer Krebsdiagnose kann ein Rauchstopp die Prognose und den Behandlungserfolg noch verbessern.

1. Rauchen wird meist mit Lungenkrebs verbunden. Welche Rolle spielt Tabakkonsum bei urologischen Tumoren wie Blasen-, Nieren- oder Prostatakrebs?

Rauchen wird in der öffentlichen Wahrnehmung tatsächlich vor allem mit Lungenkrebs verbunden. Aus urologischer Sicht ist Tabakkonsum aber einer der wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren überhaupt. Besonders deutlich sehen wir diesen Zusammenhang beim Blasenkrebs. Aber auch beim Nierenkrebs spielt Rauchen eine relevante Rolle. Beim Prostatakrebs ist der Zusammenhang komplexer. Hier geht es weniger eindeutig um die reine Entstehung, sondern vor allem um aggressivere Verläufe und ungünstigere Behandlungsergebnisse bei rauchenden Patienten.

Man muss sich klar machen: Die Schadstoffe aus dem Tabakrauch bleiben nicht nur in der Lunge. Sie gelangen ins Blut, werden über die Nieren gefiltert und anschließend mit dem Urin ausgeschieden. Damit kommen sie direkt mit den Organen des Harntraktes in Kontakt. Genau deshalb ist Rauchen auch ein urologisches Thema.

2. Besonders beim Blasenkrebs gilt das Rauchen als wichtigster Risikofaktor. Warum reagiert gerade die Harnblase so empfindlich auf Schadstoffe aus dem Zigarettenrauch?

Die Harnblase ist gewissermaßen ein Speicherorgan. Die Schadstoffe aus dem Zigarettenrauch werden nach der Aufnahme in den Körper teilweise über die Niere in den Urin abgegeben. Dieser Urin bleibt dann über längere Zeit in der Blase, bis er ausgeschieden wird. Die Blasenschleimhaut hat über Jahre und Jahrzehnte wiederholt Kontakt mit krebserregenden Substanzen – vor allem mit sogenannten aromatischen Aminen aus dem Tabakrauch. Zwischen dem Beginn des Rauchens und einer Tumorentstehung können 20 bis 40 Jahre vergehen, weshalb auch Männer und Frauen, die vor langer Zeit aufgehört haben, ein erhöhtes Risiko behalten können.

Das erklärt sehr gut, warum gerade die Blase so empfindlich reagiert. Es handelt sich nicht um einen kurzfristigen Effekt, sondern um eine chronische Belastung. Je länger und je intensiver jemand raucht, desto höher ist in der Regel auch das Risiko. Deshalb gehört Rauchen zu den wichtigsten Risikofaktoren für Blasenkrebs überhaupt.

3. Gibt es Hinweise darauf, dass Rauchen nicht nur das Krebsrisiko erhöht, sondern auch den Verlauf und die Behandlungsergebnisse urologischer Tumoren verschlechtert?

Ja, diese Hinweise gibt es. Rauchen ist nicht nur bei der Entstehung vieler Tumoren relevant, sondern kann auch den weiteren Verlauf ungünstig beeinflussen. Beim Blasenkrebs zeigen Studien, dass Raucher ein höheres Risiko für Rückfälle und teilweise auch für ein Fortschreiten der Erkrankung haben. Das ist besonders wichtig, weil viele Blasentumoren zunächst oberflächlich wachsen, aber trotzdem engmaschig kontrolliert und konsequent behandelt werden müssen.

Auch bei Operationen und onkologischen Therapien spielt Rauchen eine Rolle. Die Wundheilung kann schlechter sein, das Risiko für Komplikationen ist erhöht und die allgemeine körperliche Belastbarkeit ist oft reduziert. In der täglichen Praxis ist das ein sehr konkretes Thema. Es geht also nicht nur um ein abstraktes Langzeitrisiko, sondern auch um die Frage, wie gut ein Patient eine Therapie verkraftet und wie stabil das Behandlungsergebnis langfristig ist.

4. Welche Auswirkungen hat Rauchen auf andere urologische Krankheitsbilder, etwa Erektionsstörungen, Zeugungsfähigkeit oder chronische Blasenbeschwerden?

Rauchen hat auch jenseits der Tumorerkrankungen erhebliche urologische Auswirkungen. Ein sehr wichtiges Beispiel ist die Erektionsstörung. Eine Erektion ist stark von einer guten Gefäßfunktion abhängig. Rauchen schädigt die Gefäße, verschlechtert die Durchblutung und kann dadurch die Erektionsfähigkeit deutlich beeinträchtigen. Für viele Männer ist das ein Thema, über das sie ungern sprechen, medizinisch ist der Zusammenhang aber sehr gut nachvollziehbar.

Auch die Fruchtbarkeit kann betroffen sein. Rauchen kann die Spermienqualität verschlechtern, also zum Beispiel Anzahl, Beweglichkeit und Funktion der Spermien beeinflussen. Zusätzlich sehen wir, dass Rauchen entzündliche und reizende Prozesse im Bereich der Harnwege begünstigen kann. Bei chronischen Blasenbeschwerden oder Reizblasensymptomen kann Tabakkonsum deshalb ebenfalls eine ungünstige Rolle spielen.

5. Viele Patientinnen und Patienten fragen sich: Lohnt ein Rauchstopp auch nach einer Krebsdiagnose noch? Welche Effekte sehen Sie hier in der Praxis?

Ja, ein Rauchstopp lohnt sich immer. Auch nach einer Krebsdiagnose. Das ist eine sehr wichtige Botschaft. Viele Patientinnen und Patienten denken, der Schaden sei dann ohnehin schon entstanden. Das stimmt so nicht. Wer aufhört zu rauchen, verbessert vor allem Durchblutung, Sauerstoffaufnahme und Wundheilung; bereits einige Wochen Tabakfreiheit vor einer Operation senken nachweislich das Risiko für Wundheilungsstörungen und Lungenkomplikationen. Strukturelle Schäden an Lunge oder Gefäßen sind nicht vollständig reversibel, vieles erholt sich aber messbar. Das kann gerade vor Operationen oder während einer onkologischen Therapie sehr relevant sein.

Beim Blasenkrebs geht es außerdem um das Risiko für Rückfälle und den weiteren Krankheitsverlauf. Ein Rauchstopp kann hier ein wichtiger Teil der Gesamtbehandlung sein. In der Praxis erleben wir, dass eine Krebsdiagnose für manche Menschen ein Wendepunkt ist. Sie sind dann offen für Veränderungen, weil sie sehr konkret spüren, dass es um ihre Gesundheit geht. Diese Situation sollte man nutzen, aber ohne moralischen Druck. Entscheidend ist, die Patientinnen und Patienten medizinisch klar zu beraten und praktisch zu unterstützen.

6. Was ist aus Ihrer Sicht besonders wichtig, wenn es um Prävention und die gesundheitlichen Folgen des Rauchens geht?

Aus meiner Sicht ist wichtig, dass wir Rauchen nicht nur als Lungenproblem betrachten. Rauchen betrifft den gesamten Körper und eben auch die Urologie sehr stark. Gerade beim Blasenkrebs ist der Zusammenhang so eindeutig, dass Prävention hier eine enorme Bedeutung hat.

Wir müssen außerdem früher und klarer über Warnzeichen sprechen. Blut im Urin ist immer ein Symptom, das urologisch abgeklärt werden sollte, auch wenn es nur einmal auftritt und auch wenn keine Schmerzen bestehen. Gerade Raucherinnen und Raucher sollten dieses Warnsignal ernst nehmen.

Prävention bedeutet aber nicht nur, Menschen zu sagen, was sie falsch machen. Es geht darum, verständlich zu erklären, Risiken einzuordnen und konkrete Hilfe anzubieten. Jeder Rauchstopp zählt. Und jede früh erkannte Erkrankung verbessert die Behandlungsmöglichkeiten. Das ist am Ende der entscheidende Punkt: Wir wollen Erkrankungen verhindern, früher erkennen und Patientinnen und Patienten so behandeln, dass sie möglichst schnell und gut wieder in ihr normales Leben zurückfinden.