Humane Papillomviren sind weit verbreitet und dennoch wird ihr Risiko häufig unterschätzt. Dabei kann die HPV-Impfung nicht nur Gebärmutterhalskrebs verhindern, sondern auch Peniskarzinome, Analkrebs und bestimmte Tumoren im Rachenraum. Hinzu kommt der Schutz vor Genitalwarzen, die in urologischen und dermatologischen Praxen zum Alltag gehören.
Anlässlich des Welt-HPV-Tages am 4. März erklärt der Dermatologe Prof. Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft und Beauftragter der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, im Interview mit der Urologischen Stiftung Gesundheit warum die Impfquoten in Deutschland trotz der Vorteile der Impfung stagnieren, weshalb die HPV-Impfung ein zentraler Baustein moderner Krebsvorsorge ist und warum der beste Schutz „vor dem ersten Mal“ beginnt.
Frage1: Wie steht es aktuell um die Impfquoten gegen humane Papillomviren in Deutschland? Gibt es einen positiven Trend?
Wir hatten durchaus Phasen, in denen die Impfquoten bei Mädchen und später auch bei Jungen angestiegen sind. Insgesamt müssen wir aber feststellen: Die Zahlen stagnieren auf einem zu niedrigen Niveau. Derzeit sind nur rund 50 bis 60 Prozent der Mädchen und etwa 30 Prozent der Jungen vollständig geimpft.
Das ist im europäischen Vergleich unbefriedigend. Länder wie Portugal oder Großbritannien erreichen Impfquoten über 80 Prozent – dort wird bereits darüber diskutiert, ob z. B. Gebärmutterhalskrebs perspektivisch nahezu eliminiert werden kann.
Die Gründe für die stagnierenden Zahlen sind vielfältig. Wir beobachten eine generelle Impfmüdigkeit, die sich auch bei anderen Impfungen wie der Grippe-Impfung gezeigt hat. Hinzu kommt eine wachsende Impfskepsis im Zuge der Corona-Debatte. Gleichzeitig gelingt es uns in Deutschland offenbar nicht ausreichend, die enorme Bedeutung der HPV-Impfung klar zu kommunizieren, obgleich wir mit ihr über 90 Prozent der HPV-bedingten Tumoren verhindern könnten.
Frage 2: Die HPV-Impfung wird oft als „Impfung gegen Krebs“ bezeichnet. Gegen welche Krebsarten schützt sie konkret?
Die Bezeichnung als „Impfung gegen den Krebs“ ist durchaus berechtigt. Die HPV-Impfung richtet sich gegen die wichtigsten krebsauslösenden HPV-Typen – insgesamt sieben sogenannte Hochrisiko-Typen. Damit lassen sich etwa 92 bis 95 Prozent aller HPV-bedingten Krebserkrankungen verhindern.
Dazu zählen u. a. Gebärmutterhalskrebs, aber auch Krebs der Vulva und Vagina, Peniskrebs, Analkrebs sowie bestimmte Kopf-Hals-Tumoren, insbesondere im Mund- und Rachenbereich.
Oft wissen gerade junge Männer nicht, dass auch sie ein eigenes Krebsrisiko tragen und nicht nur „Überträger“ von HPV sind. Die Impfung ist daher ebenso eine wichtige Maßnahme der Jungen- und Männergesundheit.
Frage 3: Neben Krebs sind die Feigwarzen ein großes Thema. Wie gut schützt die Impfung hier und gibt es aktuelle Daten?
Dieser Aspekt wird in der Tat häufig unterschätzt. Etwa 90 Prozent der Genitalwarzen – medizinisch Condylomata acuminata genannt – werden durch die Niedrigrisiko-Typen HPV 6 und 11 verursacht. Der Impfstoff Gardasil 9 schützt auch zuverlässig vor diesen Virustypen.
Eine aktuelle schwedische Studie von 2025 zeigt eindrucksvoll den Effekt der Impfung: Zehn Jahre nach Einführung des Impfprogramms sank die Inzidenz von Genitalwarzen bei 15- bis 19-jährigen Frauen um 89 Prozent, bei 20- bis 24-Jährigen um 73 Prozent. Auch Männer profitierten, vermutlich durch den sogenannten Herdeneffekt.
Feigwarzen sind zwar meist nicht lebensbedrohlich, aber sie sind hoch ansteckend, häufig langwierig zu behandeln und psychisch sehr belastend. Therapien wie Kryotherapie, Laser oder immunmodulatorische Cremes erfordern viel Geduld und wiederkehrende Warzen sind keine Seltenheit. Prävention durch Impfen ist hier klar der bessere Weg.
Frage 4: Wie viele Impfungen sind für einen wirksamen Schutz notwendig?
Für Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 14 Jahren reichen zwei Impfungen aus. Das Immunsystem reagiert in diesem Alter besonders gut. Es wird zudem wissenschaftlich diskutiert, ob sogar eine Einmalimpfung ausreichend sein könnte. Das ist jedoch derzeit keine offizielle Empfehlung. Wird hingegen erst ab 15 Jahren geimpft, sind drei Dosen erforderlich.
Frage 5: Wann ist der beste Zeitpunkt für die HPV-Impfung?
Der optimale Zeitpunkt ist vor dem ersten sexuellen Kontakt. Und das bedeutet nicht zwingend Geschlechtsverkehr – auch enger Haut-zu-Haut-Kontakt, Petting oder Oralsex reichen für eine Übertragung der Viren aus.
HPV ist extrem leicht übertragbar. Studien zeigen, dass identische Virustypen bei Betroffenen sowohl im Anal- als auch im Mundbereich nachweisbar sind. Selbst die Intimrasur kann Viren auf größere Hautflächen verteilen.
Deshalb empfiehlt die Ständige Impfkommission die Impfung für Mädchen und Jungen zwischen 9 und 14 Jahren. Wesentlich ist überdies, dass die Impfung, nach allen vorliegenden Daten, über Jahrzehnte ihre Schutzwirkung behält.
Frage 6: Wer sollte sich auch außerhalb des empfohlenen Alters noch impfen lassen?
Grundsätzlich profitieren aber ebenso junge Erwachsene von einer Impfung – selbst über das 18. oder 24. Lebensjahr hinaus. Zwar ist die Wirksamkeit etwas reduziert, wenn bereits Kontakt mit einzelnen HPV-Typen bestand, doch da der Impfstoff mehrere Virustypen abdeckt, bleibt ein deutlicher individueller Nutzen.
Wichtig zu wissen ist auch, dass jeder Mensch mit engen körperlichen Kontakten ein relevantes Infektionsrisiko hat. HPV ist eine der häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen weltweit. Deshalb gilt, dass auch späteres Impfen sinnvoll ist, da es die Krebsentstehung und Feigwarzen verhindert – idealerweise immer nach einer fachärztlichen Beratung.
