Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) sogenannte Apps auf Rezept werden immer öfter verordnet. Auch in der Urologie kommen die digitalen Helfer längst zum Einsatz. Seit Kurzem gibt es im DiGA-Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte nun auch eine App für Frauen mit Blasenschwäche, die von den Krankenkassen bezahlt und ergänzend zur üblichen Behandlung eingesetzt wird. Was kann die DiGA? Die Redaktion der Urologischen Stiftung Gesundheit (USG) fragte nach bei Dr. Laura Wiemer (oben im Bild). Die wissenschaftlich und praktisch tätige Urologin aus Berlin ist Mitentwicklerin des Programms und war zudem an der Studie beteiligt, die dessen Wirksamkeit untersucht hat.
Frau Dr. Wiemer, von einer Blasenschwäche sind vor allem Frauen betroffen: Gibt es aktuelle Zahlen, wie viele Frauen in Deutschland unter einer Harninkontinenz leiden?
Tatsächlich sind die Zahlen viel höher als man denkt. In Deutschland entwickeln laut aktuellen Daten 30 bis 40 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens eine Inkontinenz. Man schätzt, dass sechs bis acht Millionen Frauen von einer Form der Harninkontinenz betroffen sind und wir wissen, dass es verschiedene Altersgipfel, etwa nach Geburten, gibt und die Erkrankung mit dem Alter deutlich zunimmt. Trotz der Häufigkeit ist das Thema noch immer zu wenig bekannt und wird weiterhin stark tabuisiert. Das führt dazu, dass sich viele betroffene Frauen nicht ärztlich vorstellen und folglich keine Diagnose und keinen Zugang zu Therapien erhalten, obwohl es gute Möglichkeiten gibt, eine Harninkontinenz zu behandeln. Gerade viele ältere Frauen nehmen die Erkrankung so hin und denken, damit leben zu müssen. Aufklärung und Kampagnen wie die internationale Initiative „urge to act“ sind deshalb für eine bessere Kontinenzgesundheit besonders wichtig.
Mit der ersten dauerhaft im DiGA-Verzeichnis aufgenommenen App für Frauen mit Harninkontinenz gibt es nun eine neue Behandlungsoption: Wie wurde die digitale Gesundheitsanwendung „Kranus Mictera“ entwickelt?
Angesichts des großen Behandlungsbedarfs entstand die Idee, mit einer App spezialisiertes Beckenbodentraining möglichst breit und jederzeit verfügbar zu machen und darüber hinaus auch weitere Behandlungsmöglichkeiten einzuschließen. An der Entwicklung der App waren daher Expertinnen und Experten aus den Bereichen Urologie, Gynäkologie, Sportwissenschaften, Physiotherapie und Psychotherapie beteiligt, sodass nun viele Komponenten dieser Erkrankung mithilfe des Programms therapiert werden können.
Welche zusätzlichen konservativen Behandlungsansätze umfasst die App?
Neben dem Beckenbodentraining beinhaltet Kranus Mictera verschiedene ebenfalls auf den Leitlinienempfehlungen basierte Behandlungsmethoden. Dazu gehören Verhaltenstherapie und Blasentraining, zum Erlernen wann ist meine Blase eigentlich voll, wann muss ich gehen, wann kann ich noch aushalten. Das hilft dabei, die Blasenkapazität zu steigern, Harndrang zu reduzieren und weniger häufig auf Toilette gehen zu müssen, was vor allem wichtig ist bei Frauen mit einer überaktiven Blase, um eine oft vorhandene Konditionierung zu durchbrechen.
Es gibt Übungen zur Stressreduktion, Gedankenstoppübungen, progressive Muskelrelaxation, ein Blasentagebuch, das Symptomatik, Trink- und Urinmengen erfasst, einen Drangstopp-Button, der in der Akutsituation hilft, Lebensstilberatung und, ganz wichtig, jede Woche neue Themen zur Wissensvermittlung sowie spielerische Komponenten zur Motivation.
Das Interaktive Programm startet mit einem Anamnesebogen, sodass sportliche Übungen, je nach Fitnesslevel, individuell angepasst und gesteigert werden können und geht über zwölf Wochen. Es kann alleine benutzt werden oder ergänzend zur üblichen Therapie der Harninkontinenz bei Frauen eingesetzt werden, etwa um Wartezeiten auf eine Physiotherapie vor Ort zu überbrücken oder im Anschluss daran, den Wissensstand zu festigen und zu erweitern.
Die Wirksamkeit der App wurde in der sogenannten DINKS-Studie bestätigt, an der Sie auch beteiligt waren: Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie?
An der Digitalen Inkontinenz-Studie (DINKS) nahmen knapp 200 Patientinnen teil, die entweder die übliche Versorgung und die App oder ausschließlich die übliche Versorgung erhielten. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Verbesserung der Symptome und der Lebensqualität der Teilnehmerinnen mit App-basierter Therapie: 92 Prozent der Patientinnen, die die App erhielten, hatten insgesamt eine Verbesserung der Symptome. 23 Prozent hatten nach den zwölf Wochen keine Harninkontinenz mehr. Durchschnittlich betrug die Reduktion der Inkontinenzepisoden 60 Prozent, was einer absoluten Zahl von über zwei Inkontinenzepisoden weniger am Tag entspricht.
Diese Verbesserungen waren sowohl bei Patientinnen mit ausgeprägter Belastungs- und Dranginkontinenz als auch bei Patientinnen mit einer Mischinkontinenz zu beobachten. Wir sehen, dass sie weniger häufig auf die Toilette mussten, dass der Harndrang abgenommen hat und sie weniger Vorlagen brauchten, die einen großen Kostenfaktor ausmachen. Viele Patientinnen berichteten, dass sie nach den zwölf Wochen nur noch eine Sicherheitsvorlage getragen haben, die sie eigentlich gar nicht mehr brauchten.
Mit Blick auf die krankheitsbezogene Lebensqualität brachte die App im Vergleich zur Kontrollgruppe eine Verbesserung von 42 Prozent.
Was unterscheidet Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) von Angeboten aus den App-Stores?
Im Gegensatz zu Apps aus den Stores handelt es sich bei Digitalen Gesundheitsanwendungen immer um gekennzeichnete Medizinprodukte, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte geprüft und zugelassen werden und zudem enorm hohe Datenschutzanforderungen nachweisen müssen. Als Ärztin finde ich es wesentlich, dass eine DiGA ihre Wirksamkeit in klinischen Studien nachweisen muss und ein strukturiertes Programm mit verschiedenen Behandlungskomponenten beinhaltet.
Und wie können Patientinnen die DiGA gegen Blasenschwäche erhalten?
Aufgrund der hohen wissenschaftlichen Aussagekraft der Daten der randomisiert kontrollierten DINKS-Studie wurde Kranus Mictera im Oktober 2025 sofort dauerhaft in das DiGA-Verzeichnis zur Behandlung der Harninkontinenz bei Frauen aufgenommen. Das heißt jeder Arzt und jede Ärztin des Vertrauens kann, unabhängig vom Fachgebiet, die App mit einem Muster 16- Rezept verordnen oder mittlerweile auch ein e-Rezept mit Ausdruck für die Patientin ausstellen.
Anders als bei Medikamenten wird das Rezept nicht in der Apotheke, sondern bei der gesetzlichen Krankenkasse oder direkt beim Hersteller eingereicht. Das funktioniert meist schon digital über die Apps der Krankenkassen oder online auf den Service-Seiten vieler Hersteller – in diesem Fall Kranus Health GmbH. Die Patientin erhält den Zugangscode und kann die App hochladen. Hilfe beim Installieren des Programms gibt es für digital weniger versierte Frauen beim Kranus Service-Team auch telefonisch. Dann kann die Patientin die App zur Behandlung der Harninkontinenz starten und, so das Ziel der Anwendung, das Gelernte schließlich in ihren Alltag integrieren.
Neben der Kostenübernahme durch die gesetzlichen Kassen werden Digitale Gesundheitsanwendungen auch von vielen privaten Krankenkassen erstattet.
Weitere Informationen:
Das DiGA-Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte finden Sie unter folgendem Link: https://diga.bfarm.de/de
Wissenswertes rund um das Thema Blasenschwäche lesen Sie hier auf der Website der USG zum Beispiel in unseren Ratgeber Harninkontinenz: https://urologische-stiftung-gesundheit.de/ratgeber/harninkontinenz/
Die Deutsche Kontinenzgesellschaft informiert unter: https://www.kontinenz-gesellschaft.de
Deutschsprachige Informationen zur Kampagne „Urge to act“ finden Sie auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V.: https://www.urologenportal.de/fachbesucher/urge-to-act.html
