Für viele Männer unter einer Hormonentzugstherapie (= Androgendeprivationstherapie, kurz ADT) bei Prostatakrebs sind Hitzewallungen eine belastende Begleiterscheinung. Eine Studie zeigte nun unlängst, dass der Wirkstoff Oxybutynin die Beschwerden deutlich verringern könnte. Allerdings bleiben Fragen zur langfristigen Anwendung offen.

Hitzewallungen werden häufig mit den Wechseljahren von Frauen verbunden. Doch auch Männer mit Prostatakrebs können darunter leiden, wenn sie eine ADT erhalten. Diese Form der Hormonentzugstherapie gehört zur Behandlung des Prostatakarzinoms. Die dabei auftretenden Hitzeattacken können den Alltag erheblich beeinträchtigen.

Oxybutynin wird seit Jahrzehnten bei überaktiver Blase eingesetzt. Ob es auch gegen Hitzewallungen unter Hormonentzug hilft, hat ein US-amerikanisches Forschungsteam in einer Studie untersucht, die im Journal of Clinical Oncology erschienen ist, einer führenden Fachzeitschrift der Krebsmedizin. Für die Behandlung von Hitzewallungen ist Oxybutynin in Deutschland nicht zugelassen. Eine Verordnung zu diesem Zweck wäre ein sogenannter Off-Label-Gebrauch.

Rund zehn Hitzewallungen täglich

An der Untersuchung nahmen 88 Männer mit Prostatakrebs teil. Alle erhielten eine stabile ADT und mussten mindestens 28 Hitzewallungen pro Woche durchleben. In die abschließende Auswertung gingen die Daten von 81 Teilnehmern ein. Zu Beginn hatten die Männer durchschnittlich etwa zehn Hitzeattacken täglich – die Beschwerden waren also keineswegs nur gelegentliche Begleiter.

Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip auf drei Behandlungsgruppen verteilt. Zwei Gruppen erhielten Oxybutynin: entweder zweimal täglich 2,5 Milligramm oder zweimal täglich 5 Milligramm. Die dritte Gruppe bekam ein Scheinmedikament, ein sogenanntes Placebo. Über sechs Wochen erfassten die Männer ihre Beschwerden. Dadurch ließ sich vergleichen, wie sich Häufigkeit und Belastung unter den verschiedenen Behandlungen entwickelten.

Weniger Hitzeattacken – besonders bei höherer Dosis

Nach sechs Wochen waren die Hitzewallungen in allen drei Gruppen seltener geworden. Unter Placebo sank ihre Zahl im Durchschnitt um etwa zwei pro Tag. Mit der niedrigeren Oxybutynin-Dosis waren es knapp fünf weniger, mit der höheren knapp sieben weniger täglich. Beide Dosierungen schnitten statistisch besser ab als das Scheinmedikament, bei der Zahl der Hitzewallungen ebenso wie bei einem Wert, der Häufigkeit und Stärke der Attacken zusammenfasst.

Der Vorteil war mit der höheren Dosis deutlich größer. Bei knapp acht von zehn Männern halbierten sich damit die Beschwerden, mit der niedrigeren Dosis bei knapp sechs von zehn, unter Placebo bei etwa drei von zehn.

Auch der Alltag wurde weniger beeinträchtigt

Entscheidend ist für Betroffene jedoch nicht allein, wie viele Hitzeattacken auftreten, sondern wie stark sie das tägliche Leben belasten. Deshalb erfasste die Studie auch die Beeinträchtigung im Alltag mit einem speziellen Fragebogen. In beiden Oxybutynin-Gruppen ging auch hier die Belastung stärker zurück als unter Placebo.

Schwere Nebenwirkungen durch das Medikament traten in der Studie nicht auf; am häufigsten klagten die Männer über einen trockenen Mund. Aus der Blasentherapie sind zudem Verstopfung, Schwindel und Benommenheit bekannt. Bei älteren Menschen kann Oxybutynin außerdem Konzentration und Gedächtnis beeinträchtigen. In der sechswöchigen Studie bemerkten die Teilnehmer keine Einbußen bei Gedächtnis oder Konzentration; bei Männern mit vergrößerter Prostata oder Problemen bei der Blasenentleerung ist wegen der Gefahr eines Harnverhalts Vorsicht geboten.

Eine große Beobachtungsstudie aus England fand bei jahrelanger Einnahme ein etwas höheres Demenzrisiko; ob das Medikament die Ursache ist, lässt sich daraus nicht sicher ableiten.

Was bedeuten die Ergebnisse für Patienten?

Die Studie liefere aus Sicht der Forschenden erste ermutigende Hinweise, dass Oxybutynin Männern helfen könnte, die während einer ADT unter häufigen Hitzewallungen leiden. Besonders überzeugend waren die Ergebnisse für die höhere untersuchte Dosierung.

Die Teilnehmerzahl war allerdings vergleichsweise klein, und die Behandlung dauerte nur sechs Wochen. Wie dauerhaft der Nutzen ist und wie sich eine längere Anwendung auswirken könnte, lasse sich daraus bislang nicht zuverlässig ableiten.

Quelle

Stish BJ et al., Alliance A222001: Oxybutynin Versus Placebo for the Treatment of Hot Flashes in Patients Receiving Androgen-Deprivation Therapy for Prostate Cancer. Journal of Clinical Oncology 2026; 44(13):1198–1205

Autor

Dr. Marcus Mau